Um den Radverkehr zu fördern, hat Osnabrück in den vergangenen Jahren zahlreiche neue Fahrradstraßen eingerichtet. Dabei konzentriert sich die Stadt auf wichtige Velorouten, die in der Regel parallel zu den verkehrsstarken Hauptrouten verlaufen, bei denen man sich mit dem Umbau noch schwertut. Die Verwaltung hat extra ein einheitliches Design erstellt, um allen Verkehrsteilnehmer*innen klar zu signalisieren, dass der Radverkehr hier Vorrang hat. Selbsterklärtes Ziel der Stadt ist: „Fahrradstraßen sind ein wichtiges Instrument, dass für die Mobilitätswende zu Verfügung steht.“
Und das stimmt ja auch. Grundsätzlich sollen Fahrradstraßen sichere, ruhige Räume für den Radverkehr sein – Orte, an denen Kinder unterwegs sein können, Menschen sich begegnen und das Fahrrad tatsächlich Vorrang hat. In der Realität erleben wir jedoch immer wieder das Gegenteil, weil die meisten Fahrradstraßen praktisch ohne Einschränkungen für alle anderen Verkehrsarten freigegeben sind: dichter Autoverkehr, Überholmanöver auf engem Raum, Hupen, zugeparkte Fahrbahnen und ein permanentes Gefühl von Unsicherheit. Wenn dieser Widerspruch benannt wird, ist die einfachste Lösung für Politik und Verwaltung meist das Zusatzschild „Anlieger frei“. Wie auch jetzt bei uns in Osnabrück. Doch genau das greift viel zu kurz.
Das Zusatzschild „Anlieger frei“ ist rechtlich schwammig und praktisch kaum durchsetzbar. Wer gilt überhaupt als Anlieger? Anwohnerinnen und Anwohner, ja – aber auch Besuch, Lieferdienste, Handwerker oder Menschen, die „nur kurz“ jemanden abholen. In der Praxis lässt sich fast jede Autofahrt irgendwie rechtfertigen. Für den durchfahrenden Autoverkehr entsteht so kaum eine echte Hürde. Kontrollen wären theoretisch möglich, finden aber faktisch kaum statt, weil jede einzelne Fahrt überprüft werden müsste. Das Ergebnis ist absehbar: Der Durchgangsverkehr bleibt, wie er ist.

Hinzu kommt, dass Schilder allein das Verkehrsverhalten nicht verändern. Wer heute schon eine Fahrradstraße als Abkürzung nutzt, wird sich von einem zusätzlichen Hinweis kaum beeindrucken lassen – erst recht nicht, wenn das Risiko, kontrolliert zu werden, minimal ist. Solange Autofahrende wissen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit unbehelligt durchkommen, bleibt „Anlieger frei“ vor allem eines: ein gut gemeintes, aber wirkungsloses Signal. (Dass Schilder nichts bringen, sieht man übrigens auch seit Jahren in der Katharinenstraße, wo das Linksabbiegen für den Autoverkehr in die Arndtstraße verboten ist und trotzdem der Normalfall bleibt für Autofahrer*innen.)
Der Autoverkehr bleibt damit präsent, und mit ihm bleiben die Probleme. Mehr Autos bedeuten mehr Konflikte, höhere Geschwindigkeiten und ein Umfeld, das insbesondere für Kinder, ältere Menschen oder unsichere Radfahrende abschreckend wirkt. Eine Fahrradstraße, die sich wie eine normale Durchgangsstraße anfühlt, verfehlt ihren Zweck und untergräbt das Vertrauen in das Instrument insgesamt.
Deutlich zielführender – und das haben wir auch schon mehrfach eingebracht – sind modale Filter. Gemeint sind bauliche oder gestalterische Maßnahmen, die den Durchgang für Autos physisch unterbinden, während Fahrräder weiterhin passieren können. Poller, Diagonalsperren, Einbahnstraßenregelungen mit Radfreigabe oder andere klare Barrieren sorgen dafür, dass Autodurchgangsverkehr nicht nur verboten, sondern unmöglich wird. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass nicht auf Einsicht oder Kontrolle gesetzt wird, sondern auf eine selbsterklärende Gestaltung des Straßenraums.
Internationale Erfahrungen zeigen, wie wirksam solche Maßnahmen sind. Wo modale Filter eingesetzt werden, sinkt der Autoverkehr deutlich, die Sicherheit steigt und der öffentliche Raum gewinnt an Aufenthaltsqualität. Anlieger, Lieferdienste und Rettungskräfte kommen bei guter Planung weiterhin ans Ziel, während Abkürzungsverkehr konsequent draußen bleibt.
Wenn Fahrradstraßen in Osnabrück mehr sein sollen als ein Schild am Straßenrand, müssen sie geschützt werden. Wer sie ernst meint, muss bereit sein, den Durchgangsverkehr tatsächlich herauszunehmen. „Anlieger frei“ bleibt eine symbolische Maßnahme mit geringer Wirkung. Modale Filter hingegen sind ein klares, wirksames Instrument – und ein notwendiger Schritt, wenn Fahrradstraßen ihren Namen wirklich verdienen sollen.

